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Kartenmaterial

Reise entlang Don und Khopjor 2001 (Teil 3)

Von Vjoshenskaja bis Urjupinsk

In Vjoshenskaja haben wir einen Bus bis Popovskij genommen, von da werden wir im Auto mitgenommen bis Belogorskij. Wir sind nun in einer heißen Steppenlandschaft mit abgeernteten Getreidefeldern und tiefschwarzer Erde. Anfangs denke ich immer wieder, dass man hier die Felder abgebrannt hat und die Schwärze daher kommt.
NAch einer Weile gesellt sich ein Hirtenjunge mit Pferd und Hund zu uns. wir sind für Sergej eine willkommene Abwechslung. seine Kühe verstreuen sich inzwischen ein wenig, aber er meint, das kriegt er in den Griff. Über eine Stunde lang begleitet er uns und erzählt und von Pferderennen und Motorrädern.
Hirtenjunge
Sergej der Hirtenjunge
Ein Auto nimmt uns dann bis Rechenskij mit. Es ist ein recht verlassener Fleck. Dort decken wir uns mit Wurst und Brot ein. In der sengenden Hitze geht es weiter bis uns ein Lastwagen mitnimmt, ein Dienstbus vervollständigt den Weg bis Alekseevskaja.
Dort quartieren wir uns im Hotel ein. Es gibt keinen Strom, weil die Rechnung nicht bezahlt wurde und Wasser tröpfelt nur aus der Leitung.
"Brücke in desolatem Zustand"
Schild an der etwas desolaten Brücke in Alekseevskaja.
Am nächsten Tag fahren wir mit dem Bus nach Samolshenskij, von dort geht es teilweise zu Fuß, teilweise mit einer alten Beiwagenmaschine an den Khopjor. Wir werden mitten im Örtchen Endovskij vom Motorradfahrer abgesetzt. Sozusagen auf dem Hauptplatz. Es ist eine T-Kreuzung von grasbewachsenen Sandwegen.
Hanf
Verdächtige Pflanzen am "Hauptplatz" von Endovka.
Während ich einen geeigneten Lagerplatz suche, spricht Tanja mit einer alten Frau, die uns einen schönen Platz zeigt.
Der Khopjor
Der Khopjor bei Endovka


Der Khopjor
Der Khopjor bei Endovka
Der Platz ist wirklich schön. Er liegt erhöht über dem Fluss, zu dem es eine steile Böschung hinutergeht. Der gesamte Uferbereich ist schöner, feiner Sandboden.
Während der nächsten Woche, die wir hier an dem schönen Platz bei bestem wetter verbringen, lernen wir die meisten Dorfbewohner kennen. Viele sind es ja nicht. Früher war Endovka ein Kosakendorf mit über 40 Häusern, heute wohnen hier nur noch 9 Menschen. Zum Teil alte Frauen, zum Teil haben Moskauer hier Häuser gekauft, um einen Altersruhesitz zu haben.
Tante Vera
Tante Vera
Tante Vera ist 74 Jahre alt und lebt teilweise mit ihrer pflegebedürftigen weil alkoholgeschädigten Verwandten in einem alten Häuschen. Sie hat einige Hühner, zwei Kühe und etliche Katzen.
Das Saugrohr ihres Brunnens ist undicht, deswegen muss sie das Wasser aus dem Fluss holen. Mit einem klassischen Wasserträgerjoch, schafft sie mit einiger Mühe zwei Eimer zu ihrem Haus hinauf. Ich helfe ihr einige Male, dafür bekommen wir Milch und Gemüse von ihr.
Einmal gehe ich mit ihr einkaufen. Wir werden vom Fährmann des Dorfes, dessen Frau wir immer fluchen hören, wenn sie ihn sucht,auf die andere Seite gebracht. Das andere Ufer ist jedoch keines, Es ist eine Insel, die wir in einer knappen Stunde durchqueren. Dann noch durch eine bauchtiefe Furt waten und wir sind in Tishanskaja, wo wir einkaufen, eine Frau besuchen, die Tante Vera noch Geld schuldet, aber wegen ihrer Alkoholprobleme nicht in der Lage ist zu bezahlen, ein Telegramm aufgeben und noch eine Bekannte von Tante Vera besuchen. Dann geht es schwer bepackt mit Kartoffeln, Tomaten und Äpfeln wieder durch die Furt und über die Insel zurück.
Tante Veras Hütte
Der Hof von Tante Vera
Ein moskauer Ehepaar, das hier den Sommer verbringt, bringt uns einmal eine Suppe und ist auch sonst sehr hilfsbereit.

Abendessen
Sasha war früher Busfahrer bei einer Bank. Seit seiner Entlassung lebt er von seiner kleinen Landwirtschaft mit Ziegen und Schweinen und vom Fischfang im Fluss. Wir lernen ihn kennen, als er in seinem Kahn bei uns vorbeituckert und fragt, ob wir Fisch zum Abendessen haben wollen. Ich weiß nicht, was das für ne Sorte ist, aber die Fische hatten sehr viele Gräten. Zum Abschied lädt er uns zum Abendessen in sein "Gasthaus" ein: ein Tisch und Bänke am Sandstrand des Khopjor. Das Wort Gasthaus kann er noch aus seiner Zeit bei der Armee, die er in Deutschland verbracht hat. Zum Abendessen gibt es Ukha die russische Fischsuppe mit sehr leckerem Wels. Den Wels hatte er frisch gefangen, echt prachtvoll, fast einen Meter lang.

Sasha
Sasha


Sasha
Sasha bei der Heuernte
Tagsüber hatte er mit zwei Helfern Heu geerntet. Der eine von ihnen streicht nun, während die Suppe über dem Feuer hängt, mit verlangendem Blick um die Flasche Selbstgebrannten und bettelt um ein kleines Schlückchen. Irgendwann gibt Sasha nach.
Große Freude kommt auf, als ich meine Gitarre hole und ein paar Lieder singe.
Sashas Helfer Sasha
Sashas Helfer Sasha
Am nächsten Morgen geht es mit schwerem Gepäck in den Sonnenaufgang hinein. wir wollen den Bus nach Urjupinsk erreichen, was uns leider nicht gelingt. So stehen wir den halben Tag an der staubigen Piste, die an beiden Seiten von sonnenblumenfeldern gesäumt ist und stoppen die wenigen Autos, die hier vorbeikommen. Irgendwann werden wir bis Urjupinsk mitgenommen.

Sonnenaufgang am Khopjor
Sonnenaufgang über dem Khopjor
Sonnenaufgang am Khopjor
In Urjupinsk suchen wir uns ein Hotel, gehen einkaufen und suchen vor allem eine Möglichkeit, nach Moskau zurück zu kommen.
"Urjupinsk - das sind wir!"
Urjupinsk, das sind wir: In Urjupinsk wird an einer positiven Identifizierung gearbeitet.
Urjupinskist in der russischen Literatur der Inbegriff der Provinzialität. In Witzen und Anektoten wird die Existenz dieser Stadt in Frage gestellt. Das gehört gewissermaßen auch zum Selbstbild hier. In einem Laden kaufen wir T-Shirts mit dem Aufdruck: "Брошу всё, уеду в Урюпинск." (Ich werf' alles hin und fahre nach Urjupinsk) In einem Buch über die Stadt, das ich drei Jahre vorher hier gekauft habe, wird dieses Zitat Jelzin zugesprochen.
Tatsächlich ist Urjupinsk eine relativ ruhige Stadt für russische Verhältnisse relativ sauber. Man gibt sich traditionsbewusst. Hier gibt es viele Kulturvereine, die Kosakenbräuche pflegen. der Markt nennt sich hier Kosakenmarkt.
Fuhrpark in Urjupinsk
Sehr breitbandiger Fuhrpark in Urjupinsk
Am Nachmittag unseres ersten Tages wird im Museum der Stadt der 120. Geburtstag des Malers Mashkow gefeiert, der in einer nahen Stanica geboren, Weltruhm erlangte. Mittels dieser Feierlichkeiten, so habe ich den Eindruck, sollte dieser Weltruhm dazu bewogen werden einen kleinen Abglanz auf Urjupinsk zu werfen.
Irgendwie hat Tanja in Erfahrung gebracht, dass es einen Bus nach Moskau geben soll, mit dem die Verkäuferinnen eines kleinen Marktes nach Moskau zum einkaufen fahren. Wir finden uns am Abfahrtsort ein. Der Bus ist übervoll, nach einigem Betteln dürfen wir aber rein. Wir sitzen im Gang auf unseren Rucksäcken und müssen uns hinlegen, wenn Polizei am Horizont sichtbar wird. Im Bus ist ziemlich was los, die "Zigeunerinnen", wie diese Frauen in russland genannt werden, haben gute Stimmung. Nachts dann bekommen wir ein Kissen und eine Decke und ich noch einen nackten Fuß, der über meinem Gesicht baumelt.
Kirche in Urjupinsk
Die Kirche in Urjupinsk
Um 5 Uhr morgens erreichen wir Moskau und werden irgendwo in einem äußeren Stadtteil ausgesetzt. Mit der U-Bahn geht es dann nach Hause.

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