Heute ist Abreisetag. Wir müssen den sehr schönen Kurort zurücklassen. Unser Ziel ist die Halbinsel "Святой Нос" (Heilige Nase), dort wollen wir noch zwei Tage den Baikalsee genießen. Um 10 Uhr also kommt ein Autobus, der uns bis Kurumkan bringen soll. Vorher noch gepackt und geputzt. Alles Gepäck und Werkzeug in den Bus. Und wir auch. Diesmal ist es ein relativ großer Bus, es fährt sich ganz angenehm. Wera liegt auf einem Haufen Rucksäcke und schläft, ein Bild für Götter. Der Bus bringt uns bis zum Dazan in Kurumkan. Das ist ein buddhistisches Kloster.
Nach einem kleinen Happen fährt eine Delegation weiter, erst
müssen wir mit Ossi ins Krankenhaus. Dort wird er geröngt,
eingerichtet und einbandagiert. Dazu gibts noch eine Salbe für
die Schulter. Alles gratis, kein Formularkram von wegen welche
Versicherung dafür jetzt aufkommt. Einfach so! Das schönste ist,
dass beim Röntgen der Röntgenschirm zu niedrig ist, die
Standardmaximalgröße der Burjaten reicht nämlich keineswegs an
Ossis Statur heran. Also muss der arme in die Knie gehen und
regungslos verharren, bis die Aufnahme gemacht ist.
Danach gehts zur Bezirksverwaltung. Wir werden vom
Bezirksvorstand empfangen und befragt und bedankt für unsere
Arbeit.
Schon längst hätte die Marschrutka beim Dazan sein sollen, als wir dort ankommen, aber nichts ist gekommen. Wir bekommen eine Führung von einem sehr schweigsamen Mönch, der in der klassischen tibetanischen Mönchskutte in gelb-rot steckt. Der Dazan muss im Uhrzeigersinn umrundet werden, und zwar das ganze Gelände. Dann dürfen wir eintreten. Drinnen eine Farbenpracht an Buddhistischen Göttern. Auch ein Bild vom Dalai Lama ist vorhanden. Er war auch höchstpersönlich hier vor ein paar Jahren bei der Eröffnung des Klosters. Bei den Statuetten der Götter findet sich auch der burjatische Burhan wieder. Irgendwann im 16. oder 17 Jahrhundert hatte der Buddhismus begonnen, den ursprünglichen Schamanismus zu verdrängen, um schließlich eine Symbiose mit ihm einzugehen. Und je nach Gegend in Burjatien überwiegt das eine oder das andere.
Nach der Führung werden wir von Nadja, einer Frau aus der
Bezirksverwaltung, die uns bei organisatorischen Fragen geholfen
hatte, darüber aufgeklärt, dass man keinen Alkohol, den man in
der Kurumkaner Gegend gekauft hat hinausbringen darf, die
Geister würden das nicht erlauben. Man müsse alles
austrinken. Zur Not könne man die Flaschen auch mit einem
Geldstück oben versiegeln. Wir lächeln über den Aberglauben. zur
bekräftigung erzählt sie uns die Geschichte von einem Mann der
über diesen Sachverhalt nichts wusste und der drei Flaschen
Wodka bei sich hatte. Als er die Region verlassen wollte, ging
ein Reifen kaputt. Kurz danach der zweite. Und dann ging das
Benzin aus. Von einem Lastwagenfahrer hat er sich welches
erbeten und ihm als Dank eine Flasche Wodka gegeben. Er fährt
weiter und landet dann irgendwie im Straßengraben. Er hatte ja
noch zwei Flaschen. Da es Nacht wurde hat er dann bei einer
Familie übernachtet, die ihn bezüglich des Alkohols aufgeklärt
haben. Nachdem der Wodka beseitigt war, konnte er unbehelligt
weiterfahren. Ein paar Tage später kommt er wieder zurück und
trifft den Lastwagenfahrer, der wiederum mit seiner Flasche auch
heillos liegengeblieben war, ein kurzes Besäufnis und die Kiste
war sozusagen wieder flott.
Mich stimmte das nachdenklich. Unser Bus war noch immer nicht
da. Zur Sicherheit begannen einige das Bier zu vernichten. Auch
waren schon einzelne Bierdosen und Wodkaflaschen mit Münzen, die
mittels Heftpflaster auf den Deckel geklebt waren, zu
sehen. Außerdem begann die Stimmung leicht abgehoben zu werden,
da aus den Lautsprechern am Dazan schon eine halbe Stunde "Om
mani padme hum" zu hören war.
Jon Abraham und Tanja waren zu dritt aufgebrochen, um mit dem öffentlichen Bus und Autostopp nach Ust-Barguzin zu fahren. Wir sind inzwischen am Suppekochen dran. Da erfahren wir, dass unsere Marschrutka kaputt ist. Und die der drei losgezogenen auch. Spätestens jetzt waren alle noch nicht leeren Alkoholbehältnisse mit Münzen versehen. Und noch Tage danach in Ulan-Ude tauchten aus dem Gepäck bemünzte Bierdosen und Wodkaflaschen auf.
Auch der Versuch, Buskarten zu kaufen schlug irgendwie fehl und es gab noch einiges hektisches Hin- und Her, weil wir begonnen hatten, die Zelte aufzustellen und dann doch ein Bus kommen sollte, der aber keinen Gepäckträger hatte und somit viel zuklein war. Letztendlich bringt der Bus dann uns und unser Gepäck nach Kurumkan zu Walentina, einer anderen Administrationsangestellten, bei der wir dann im Hof die Zelte aufstellen. Den Abend verbringen wir dann in der Kneipe "Максим" bei Pozy und Tee.